Fachbegriffe |
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Der Begriff «Inszenierung» meint die formale Gestaltung einer Handlung innerhalb eines gegebenen Rahmens. Die «fotografische Inszenierung» bedient sich der Fotografie (frame-work), um ein Bildprogramm zu entwerfen; das Bildresultat beginnt also bereits mit der Bildidee. Die «inszenierte Fotografie» ihrerseits, also der Entwurf imaginärer Bildwelten mit nicht selten sehr heterogenen Körpern und Objekten, ist, streng genommen, eine Fotografie, also ein fotografischer Abzug/eine Vergrösserung, die subjektiv in Szene gesetzt ist (stage-work). Daher könnte man auch von «directorial photography» (A.D. Coleman, 1976) sprechen, um den leitend-anweisenden Charakter zu betonen, mit dem der Fotograf die äusserlich rohe Materialwelt gemäss seinen Bildszenarien gestaltet. Im landläufigen Sprachgebrauch wird aber inszenierte Fotografie gebraucht, um fiktionale Fotografie, also eine szenografisch aufbereitete Abbildung, zu bezeichnen. Der allzu oft synonym gebrauchte Begriff «inszenierende Fotografie» verstärkt das Prozesshafte und die Zeitspanne der Herstellung, und damit auch das Konzeptionelle. Die Binnendifferenzierung könnte aber auch etwas anders lauten: Die inszenierende Fotografie ist an sich eine dokumentarisch-objektivierende Fotografie, die aber subjektiv verändert, verfälscht, kanalisiert oder arrangiert wurde (z.B. Stillleben, Aktfotografie). Die reine inszenierte Fotografie selber, und so wird der Begriff in dieser Arbeit verstanden, geht von einem faktischen Leerraum aus, in dem die Idee des Künstlers, des Regisseurs, des Autors umgesetzt wird. Der englische Begriff «staged photography» betont seinerseits den Raum- und Bühnenaspekt, der wiederum dazu verführt, all die konstruierten und arrangierten Bühnenbilder als modernen Piktorialismus zu sehen und damit die Ursprünge der konstruierten, bisweilen symbolistischen Fotografie mit der Hochblüte in den 1980er Jahren verbindet. «Images fabriquées» oder «Invented photography» oder «Photographic fiction» betonen je das künstlich und dennoch handwerklich Hergestellte, das sich in der Mehrzahl keiner Vorlagen bedient. In Szene gesetzt werden kann lediglich etwas, das irgendwie bereits vorhanden ist: als Idee, als Dialog, als Text, als Zeichnung, als scribble, als Ablaufskizze etc. Durch dessen Inszenierung wird das Vorhandene in einen neuen Kontext gestellt. Der Kontext ist nicht einfach gegeben, sondern wird von der Regie mitbestimmt und diesbezüglich kontrolliert. Bereits die Ansiedlung des Stoffs, der Fabel, der Geschichte etc. ist Teil einer auf Wirkung bedachten Absicht der Regie. Je nach Menge und Grösse der einbezogenen theatralisch-dramaturgischen Mittel ergibt sich eine andere Art der Inszenierung; man spricht z.B. von armem, körperbetonten Theater oder von aufwändig gestaltetem Ausstattungstheater. Die Grade der Inszenierung können in verschiedenen Bereichen des fotografischen Prozesses eingebracht und fotografenseitig gesteuert werden: bei der Technik (Kameratyp, Filmtyp, Fehlfarben), beim Abbilden (Cadrage/Maske, Fokus, Schärfentiefe), beim Inhalt (Geschichte, Bildobjekte, -subjekte), auf der Metaebene (Intention, Gegenläufigkeit), in der Form der Publikation/Präsentation (Passepartout, Weissraum, Betextung, Kontext). Enger zu fassen sind die Elemente dieser In-Szene-Setzung. Es sind dies, und zwar immer vor einem fotografischen Apparat: 1. ausgewählter Ort/Bühne (Tisch, Raum, Naturbühne), 2. künstliche oder arrangierte Kulisse (Bildstaffelung), 3. ausgewähltes Licht/Beleuchtung (Unterstützung der angefertigten Szenerie), 4. Figuren/Rollen (als Personnagen eines interaktiven Spiels), 5. Requisiten (Versatzstücke zur Verdeutlichung von Handlungen und/oder Rollen), 6. Standbild oder Ausschnitt aus einem Handlungsablauf/Dramaturgie (im Bild oder durch die Bildreihe erkennbare Erzählstruktur), 7. Idee/Plot/Erzählung (beschreibbarer Inhalt, evtl. die Richtung weisender Titel), 8. dokumentarisches, betrachtbares Ergebnis der Inszenierung (Umsetzung in ein fotografisches Bild).
Je nach dramaturgischem Konzept und entsprechender Spielerführung resultiert aus demselben Stoff eine andere Inszenierung. Wer also inszeniert, sollte eine Ahnung seiner Absichten haben, sollte einen schematischen Entwurf eines Geschehens bestimmen und eine Wirkung voraussagen können. Zu den inszenatorischen Kompetenzen gehören weiterhin, die Elemente des Theaters sinnvoll mit dem (Sub)text zu verschmelzen, damit in der Interpretation ein Ganzes, also etwas für das Publikum geschlossen Wahrnehmbares entsteht. Dabei kann, wie in der Kunst, auch ein Fragment, ein Torso, eine Skizze durchaus die Qualität eines Ganzen haben.
Nebst dem Fachbegriff «inszenierte Fotografie» werden auch Termini wie Fototheater (meist abwertend für ein spassiges Event vor der Kamera), szenische Fotografie (meint tendenziell eine Theaterfotografie, die nicht Personen und Rollen in den Vordergrund rückt, sondern die Interaktion von Personen, die Verflechtung von Personen im Theaterraum) oder narrative Fotografie (eine dramaturgisch aufgebaute, konstruierte Situation, die zwingend eine (a)logische, fiktionale Geschichte sichtbar macht). Je nach Art der In-Szene-Setzung kann von einem anderen Erzählertyp gesprochen werden: der nüchtern-dokumentarische Erzähler, der retrospektiv-autobiografische Erzähler, der expressiv-fiktionalisierende Erzähler. Die fotografische Narration ergibt sich aus der theatralisch-dramaturgischen Konstellation und dem fotografischen Abbildungsverfahren. Die Objektivität der Kamera lässt eine Erzählweise zu, die vom Betrachter als real gedeutet wird. Die Schnelligkeit und die im fotografischen Verfahren implizierte, später erfolgte formale Auswahl und ästhetische Verdichtung von Bildern ermöglichen ein relativ schnelles und monadisches Arbeiten. Requisiten, Lichteinstellungen oder Kulissen können im Voraus ins Bild gesetzt werden, bevor sich das handelnde Subjekt dazufügt. Fototechnische Ingredienzien und eine Kompilation von Motiven tragen und dynamisieren das Bildprogramm. Der ohnehin kulturell kodierte Körper als in sich konstantes Leitmotiv ermöglicht Projektionen für den Gestalter und für den Rezipienten, bei dem selber wieder eine Narration ausgelöst wird. Das fremde Ich erzählt in vielen Fällen auch über mich als Betrachter, weil ich das Bild aufgrund meiner Herkunft und Erfahrung betrachte und in meinen Kontext stelle. Die fotografische Sequenz betont ihrerseits den formalen Aspekt einer Fotografie, da sie zumeist eine Handlung chronologisiert und etappiert. Durch die Fragmentierung, ähnlich dem Filmschnitt, wird ein Prozess verlangsamt oder beschleunigt. Durch die Schnittstellen wird der Inhalt dramatisiert und damit punktuell mit (symbolischer) Bedeutung aufgeladen. |
