Einführung

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Comtessa de CastiglioneDie inszenierte Fotografie ist zur Zeit das wichtigste Genre innerhalb der fotografischen Produktion. Die Szene ist schier unüberblickbar geworden. Über 500 Personen sind mittlerweile in der Datenbank drin. Mit ihnen lässt sich auf eine fast 170-jährige Geschichte der fotografischen Inszenierung zurückblicken.

Die szenische, inszenierende oder inszenierte Fotografie (engl.: staged photography, fr.: la photographie fabriquée, la photographie mise-en-scène) unterscheidet sich von der Theaterfotografie dadurch, dass sie eigene Erzählstrukturen baut und diese fotografiert. Die Autorenschaft des Bildes ist mit der Person der Realisation identisch. Zudem nutzt die selbstinszenierte Fotografie häufig den eigenen Körper und dessen Umwelt als szenisches Personal. Die Theaterfotografie hingegen ist ein handwerklich-dokumentarisches Abbildungsverfahren, also kein konstruktives Verfahren. Während die Theaterfotografie die vorhandene Theaterwirklichkeit, ihrerseits selber ein Simulationsverfahren der tatsächlichen Wirklichkeit, abbildet, muss die inszenierende Fotografie erst eine Wirklichkeit schaffen.

Die Werbefotografie teilt mit der inszenierenden Fotografie zwar den hohen Stellenwert des Künstlichen, des Künstlerischen und Gemachten. Doch ist der subjektive Aspekt in der  mit oft sehr hohem Aufwand realisierten Szenerie eher klein. Da die Werbefotografie gemeinhin appellativen und affirmativen Charakter aufweist, muss sie das Künstlerische-Individuelle oft eliminieren und zum allgemein Gültigen und Typischen vorstossen. Zudem widerspricht das oft in einem mehrstufigen Raffinations- und Evaluationsprozess mit unterschiedlich Beteiligten gewonnene Endbild der subjektiven Spiellust und -leidenschaft von Bildautorinnen, die sich weitgehend als Künstlerinnen verstehen.

So werden hier fotografische Standpunkte untersucht, bei denen der Fotograf als Autor nicht nur weitgehend bekannt ist - man könnte analog zum Film von einer Autorenfotografie sprechen -, sondern in denen er zugleich, also in Personalunion, als Spieler auftritt, also vor und hinter der Kamera mehr oder weniger gleichzeitig agiert. Er ist Teil einer gemachten Raum/Körper-Konstellation. Der Gestalter inszenierter Fotografie vor und hinter der Kamera übernimmt die Aufgaben als Schöpfer, Regisseur und Spieler. Diese Doppelrolle als Autorin/Inszenatorin und Schauspieler/Interpretator findet sich jedoch nicht nur in der Kunst (Concept Art, Body Art, narrative Tableaus, Inszenierung zwischen Theater und Therapie etc.), sondern auch der Populärkultur. In einigen Fällen bedienen sich die Künstler hinzugezogener Akteure, weil sie damit sich selbst, resp. Vorstellungen von selbst und ihrer Umwelt, besser inszenieren können. Diese Stellvertreterfotografie ist damit auch mit der Frage nach der Repräsentation des Selbsts oder des Anderen und damit nach der Reflexion des Subjekts verbunden.

Als Bezugsrahmen dienen die Begriffe Kunst, Bühne, Darstellung und Gleichnis. Sie implizieren das ideal Gedachte, das vor Ort szen(ograf)isch Hergestellte, das subjektiv (Re)präsentierte und das auf Evidenz bedachte Resultat. In diesem Geviert spielen Menschen Rollen. Sie setzen ihr Ich in Szene. Weil der Mensch ein soziales Wesen ist, ist er gleichzeitig ein Rollenspieler. Er probiert unterschiedliche Zuschreibungen aus, lebt sie aus, fasst sich und erkennt sich in seinem Tun. Daraus resultiert seine Identität. Hinter der Erscheinung tritt das Sein zu Tage, das Zeigen führt zur Bedeutung.

Die hier zusammengestellten Texte sind ein winziger Teil der Recherche zur inszenierten Fotografie. Die 516 Seiten starke Publikation mit über 950 Bildern ist unter dem Titel «The Cindy Shermans: inszenierte Identitäten. Fotogeschichten von 1840 bis 2005» greifbar. Nebst einem umfangreichen Anhang mit Sekundärliteratur  und einem Verzeichnis inszenierender FotografInnen, werden folgende Themen und VertreterInnen auf 24 Schauplätzen abgehandelt. Bestellung hier.

 

Schauplatz 1: Die Geburt eines Genres

Hippolyte Bayard, William Henry Fox Talbot, Oscar Gustav Rejlander, William Lake Price, Julia Margaret Cameron, Henry Peach Robinson, Lewis Carroll, Paul Labhart ...zur Bildergalerie

 

Schauplatz 2: Bürgerliche Inszenierungsfacetten und Repräsentationsstrategien

Carl Durheim, La Contessa de Castiglione, Hugh Welch Diamond ...zur Bildergalerie

 

Schauplatz 3: Tableaux vivants, lebender Marmor, living sculpture

Fred Holland Day, Bettina Flitner, Atta Kim, Edouard Levé ...zur Bildergalerie

 

Schauplatz 4: Geisterfotografien zwischen Beschwörung und Entlarvung

William H. Mumler, Jean Buguet, Thiébault, F. A. Dahlström, Paul Nadar, Anna und Bernhard Johannes Blume ...zur Bildergalerie

 

Schauplatz 5: Kommerzialisiertes Lesen zwischen den Zeilen

Roger Fenton, The London Stereoscopic Company, Neue Bromsilber Convention GmbH, Miro Svolik ...zur Bildergalerie

 

Schauplatz 6: Erzählungen in der Gesichtsmuskulatur

Fritz Möller, Messerschmidt, Heller, Borée, Rudolph, Helmar Lerski ...zur Bildergalerie

Schauplatz 7: Die Zubereitung des nackten Körpers zum visuellen Verzehr

Martin Cornel, Guy Lemaire, Annie Sprinkle, Alan Tex ...zur Bildergalerie

 

Schauplatz 8: Die Verrätselung des Objekts als surrealistische Poesie

Paul Nougé, Jacques-André Boiffard, Roland Penrose, Herbert List, Man Ray, René Magritte, Erwin Wurm ...zur Bildergalerie

 

Schauplatz 9: Das Ich ist etwas Anderes

Claude Cahun, Pierre Molinier ...zur Bildergalerie

 

Schauplatz 10: Das Feld der Erfahrungsseelenkunde

Ralph Eugene Meatyard, Duane Michals, Arthur Tress, Francesca Woodman, Diana Blok / Marlo Broekmans ...zur Bildergalerie

 

Schauplatz 11: Spassmacher aus Langeweile

Jürgen Klauke, Urs Lüthi, Reiner Rute ...zur Bildergalerie

Schauplatz 12: Der Natur auf der Spur

Ana Mendieta, Dieter Appelt, Fritz Gilow, Vera Lehndorff / Holger Trülzsch, Vollrad Kutscher, Robert ParkeHarrison ...zur Bildergalerie

Schauplatz 13: Myriaden von Ichs

Cindy Sherman, Boyd Webb, Teun Hocks, Marcel Biefer / Beat Zgraggen, Carisch / Eberhard / Vogel ...zur Bildergalerie

 

Schauplatz 14: Inszenierter Alltag als Kommunikationsstrategie

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Schauplatz 15: Der Witz der Selbstrepräsentationsstrategie

Matthias Koeppel, André Rival ...zur Bildergalerie

 

Schauplatz 16: Bilder Nachbilder/nach Bildern

Andy Wiener, Orlan, Christiane Seiffert ...zur Bildergalerie

 

Schauplatz 17: Prospektive Identitäten

Yasumasa Morimura, Olga Tobreluts, Chantal Michel ...zur Bildergalerie

 

Schauplatz 18: Das Kreuz mit der Biografie

Klaus Elle, Annegret Soltau, Frank M. Göldner, Jesco Tscholitsch, Pierre Zucca ...zur Bildergalerie

 

Schauplatz 19: (Gescheiterte) Versuche der Selbsttherapie

Hannah Wilke, David Nebreda, Joel-Peter Witkin ...zur Bildergalerie

 

Schauplatz 20: Models und Modellfiguren - Lifestyle als Lebenswelt

Vanessa Beecroft, Albert Arthur Allen, Mariko Mori, Izima Kaoru ...zur Bildergalerie

 

Schauplatz 21: Körper akut - die ePostmoderne

Markus Käch, Joan Fontcuberta ...zur Bildergalerie

 

Schauplatz 22: Stellvertreter-Ichs

Istvan Balogh, Diana Blok, Charlie White, Olaf Breuning ...zur Bildergalerie

 

Schauplatz 23: Umfangreiche Menschenakkumulationen

Les Krims, Sandy Skoglund, Bettina Rheims / Serge Bramly, Eleanor Antin, Gregory Crewdson , Martin Liebscher, Anthony Goicolea, Nicholas Kahn / Richard Selesnick, Thomas Brenner ...zur Bildergalerie

 

Schauplatz 24: Schrille Eventfotografie

James Bidgood,  Pierre et Gilles, Erwin Olaf ...zur Bildergalerie