Einführung |
|
Die szenische, inszenierende oder inszenierte Fotografie (engl.: staged photography, fr.: la photographie fabriquée, la photographie mise-en-scène) unterscheidet sich von der Theaterfotografie dadurch, dass sie eigene Erzählstrukturen baut und diese fotografiert. Die Autorenschaft des Bildes ist mit der Person der Realisation identisch. Zudem nutzt die selbstinszenierte Fotografie häufig den eigenen Körper und dessen Umwelt als szenisches Personal. Die Theaterfotografie hingegen ist ein handwerklich-dokumentarisches Abbildungsverfahren, also kein konstruktives Verfahren. Während die Theaterfotografie die vorhandene Theaterwirklichkeit, ihrerseits selber ein Simulationsverfahren der tatsächlichen Wirklichkeit, abbildet, muss die inszenierende Fotografie erst eine Wirklichkeit schaffen. Die Werbefotografie teilt mit der inszenierenden Fotografie zwar den hohen Stellenwert des Künstlichen, des Künstlerischen und Gemachten. Doch ist der subjektive Aspekt in der mit oft sehr hohem Aufwand realisierten Szenerie eher klein. Da die Werbefotografie gemeinhin appellativen und affirmativen Charakter aufweist, muss sie das Künstlerische-Individuelle oft eliminieren und zum allgemein Gültigen und Typischen vorstossen. Zudem widerspricht das oft in einem mehrstufigen Raffinations- und Evaluationsprozess mit unterschiedlich Beteiligten gewonnene Endbild der subjektiven Spiellust und -leidenschaft von Bildautorinnen, die sich weitgehend als Künstlerinnen verstehen. So werden hier fotografische Standpunkte untersucht, bei denen der Fotograf als Autor nicht nur weitgehend bekannt ist - man könnte analog zum Film von einer Autorenfotografie sprechen -, sondern in denen er zugleich, also in Personalunion, als Spieler auftritt, also vor und hinter der Kamera mehr oder weniger gleichzeitig agiert. Er ist Teil einer gemachten Raum/Körper-Konstellation. Der Als Bezugsrahmen dienen die Begriffe Kunst, Bühne, Darstellung und Gleichnis. Sie implizieren das ideal Gedachte, das vor Ort szen(ograf)isch Hergestellte, das subjektiv (Re)präsentierte und das auf Evidenz bedachte Resultat. In diesem Geviert spielen Menschen Rollen. Sie setzen ihr Ich in Szene. Weil der Mensch ein soziales Wesen ist, ist er gleichzeitig ein Rollenspieler. Er probiert unterschiedliche Zuschreibungen aus, lebt sie aus, fasst sich und erkennt sich in seinem Tun. Daraus resultiert seine Identität. Hinter der Erscheinung tritt das Sein zu Tage, das Zeigen führt zur Bedeutung. Die hier zusammengestellten Texte sind ein winziger Teil der Recherche zur inszenierten Fotografie. Die 516 Seiten starke Publikation mit über 950 Bildern ist unter dem Titel «The Cindy Shermans: inszenierte Identitäten. Fotogeschichten von 1840 bis 2005» greifbar. Nebst einem umfangreichen Anhang mit Sekundärliteratur und einem Verzeichnis inszenierender FotografInnen, werden folgende Themen und VertreterInnen auf 24 Schauplätzen abgehandelt. Bestellung hier.
Schauplatz 1: Die Geburt eines GenresHippolyte Bayard, William Henry Fox Talbot, Oscar Gustav Rejlander, William Lake Price, Julia Margaret Cameron, Henry Peach Robinson, Lewis Carroll, Paul Labhart ...zur Bildergalerie
Schauplatz 2: Bürgerliche Inszenierungsfacetten und RepräsentationsstrategienCarl Durheim, La Contessa de Castiglione, Hugh Welch Diamond ...zur Bildergalerie
Schauplatz 3: Tableaux vivants, lebender Marmor, living sculptureFred Holland Day, Bettina Flitner, Atta Kim, Edouard Levé ...zur Bildergalerie
Schauplatz 4: Geisterfotografien zwischen Beschwörung und EntlarvungWilliam H. Mumler, Jean Buguet, Thiébault, F. A. Dahlström, Paul Nadar, Anna und Bernhard Johannes Blume ...zur Bildergalerie
Schauplatz 5: Kommerzialisiertes Lesen zwischen den ZeilenRoger Fenton, The London Stereoscopic Company, Neue Bromsilber Convention GmbH, Miro Svolik ...zur Bildergalerie
Schauplatz 6: Erzählungen in der GesichtsmuskulaturFritz Möller, Messerschmidt, Heller, Borée, Rudolph, Helmar Lerski ...zur Bildergalerie Schauplatz 7: Die Zubereitung des nackten Körpers zum visuellen VerzehrMartin Cornel, Guy Lemaire, Annie Sprinkle, Alan Tex ...zur Bildergalerie
Schauplatz 8: Die Verrätselung des Objekts als surrealistische PoesiePaul Nougé, Jacques-André Boiffard, Roland Penrose, Herbert List, Man Ray, René Magritte, Erwin Wurm ...zur Bildergalerie
Schauplatz 9: Das Ich ist etwas AnderesClaude Cahun, Pierre Molinier ...zur Bildergalerie
Schauplatz 10: Das Feld der ErfahrungsseelenkundeRalph Eugene Meatyard, Duane Michals, Arthur Tress, Francesca Woodman, Diana Blok / Marlo Broekmans ...zur Bildergalerie
Schauplatz 11: Spassmacher aus LangeweileJürgen Klauke, Urs Lüthi, Reiner Rute ...zur Bildergalerie Schauplatz 12: Der Natur auf der SpurAna Mendieta, Dieter Appelt, Fritz Gilow, Vera Lehndorff / Holger Trülzsch, Vollrad Kutscher, Robert ParkeHarrison ...zur Bildergalerie Schauplatz 13: Myriaden von IchsCindy Sherman, Boyd Webb, Teun Hocks, Marcel Biefer / Beat Zgraggen, Carisch / Eberhard / Vogel ...zur Bildergalerie
Schauplatz 14: Inszenierter Alltag als Kommunikationsstrategie
Schauplatz 15: Der Witz der SelbstrepräsentationsstrategieMatthias Koeppel, André Rival ...zur Bildergalerie
Schauplatz 16: Bilder Nachbilder/nach BildernAndy Wiener, Orlan, Christiane Seiffert ...zur Bildergalerie
Schauplatz 17: Prospektive IdentitätenYasumasa Morimura, Olga Tobreluts, Chantal Michel ...zur Bildergalerie
Schauplatz 18: Das Kreuz mit der BiografieKlaus Elle, Annegret Soltau, Frank M. Göldner, Jesco Tscholitsch, Pierre Zucca ...zur Bildergalerie
Schauplatz 19: (Gescheiterte) Versuche der SelbsttherapieHannah Wilke, David Nebreda, Joel-Peter Witkin ...zur Bildergalerie
Schauplatz 20: Models und Modellfiguren - Lifestyle als LebensweltVanessa Beecroft, Albert Arthur Allen, Mariko Mori, Izima Kaoru ...zur Bildergalerie
Schauplatz 21: Körper akut - die ePostmoderneMarkus Käch, Joan Fontcuberta ...zur Bildergalerie
Schauplatz 22: Stellvertreter-IchsIstvan Balogh, Diana Blok, Charlie White, Olaf Breuning ...zur Bildergalerie
Schauplatz 23: Umfangreiche MenschenakkumulationenLes Krims, Sandy Skoglund, Bettina Rheims / Serge Bramly, Eleanor Antin, Gregory Crewdson , Martin Liebscher, Anthony Goicolea, Nicholas Kahn / Richard Selesnick, Thomas Brenner ...zur Bildergalerie
Schauplatz 24: Schrille EventfotografieJames Bidgood, Pierre et Gilles, Erwin Olaf ...zur Bildergalerie |

Die inszenierte Fotografie ist zur Zeit das wichtigste Genre innerhalb der fotografischen Produktion. Die Szene ist schier unüberblickbar geworden. Über 500 Personen sind mittlerweile in der Datenbank drin. Mit ihnen lässt sich auf eine fast 170-jährige Geschichte der fotografischen Inszenierung zurückblicken.
Gestalter inszenierter Fotografie vor und hinter der Kamera übernimmt die Aufgaben als Schöpfer, Regisseur und Spieler. Diese Doppelrolle als Autorin/Inszenatorin und Schauspieler/Interpretator findet sich jedoch nicht nur in der Kunst (Concept Art, Body Art, narrative Tableaus, Inszenierung zwischen Theater und Therapie etc.), sondern auch der Populärkultur. In einigen Fällen bedienen sich die Künstler hinzugezogener Akteure, weil sie damit sich selbst, resp. Vorstellungen von selbst und ihrer Umwelt, besser inszenieren können. Diese Stellvertreterfotografie ist damit auch mit der Frage nach der Repräsentation des Selbsts oder des Anderen und damit nach der Reflexion des Subjekts verbunden.